Mädchen im Netz: Was verraten soziale Medien über die Lebenswelt einer ganzen Generation?

Warum Teenager ihre Smartphones kaum aus der Hand legen und was es mit den übertriebenen Mädchenfreundschaften im Netz auf sich hat

Heidelberg, 14. Oktober 2015. Ob zu Hause, auf dem Pausenhof, eigentlich überall – die Situation in © SpringerDeutschland, Dänemark oder anderen Ländern macht keinen Unterschied: vor allem junge Mädchen scheinen mit ihrem Smartphone verwachsen zu sein. Von früh bis spät sind sie dabei, ihren persönlichen Auftritt zu polieren und Kontakt zur Clique zu halten. Die Freundschaft zur ‚abf‘ – ihrer allerbesten Freundin – wird in den sozialen Netzwerken besonders emotional inszeniert. Hübsch aussehen und beliebt sein sind die zentralen Identitätsbausteine. Warum zieht sich dieses Verhaltensmuster so übertrieben durch eine ganze Mädchengeneration? Trifft die „normale Pubertät“ auf moderne Medien, oder steckt mehr dahinter? Der Jugendforscher Martin Voigt geht im Springer Spektrum-Buch Mädchen im Netz diesen Fragen auf den Grund.

„Vor allem Mädchen zwischen 12 und 16 legen in teilweise exzessivem Ausmaß Wert auf ihre Selbstdarstellung auf Facebook und Co – unentwegt werden Selfies hochgeladen und Liebesschwüre zwischen befreundeten Mädchen geteilt,“ beschreibt Martin Voigt die neue Dynamik in den online vernetzten Klassenzimmern. Likes und Kommentare zum neuen Selfie – süßee du bist sooo hüübsch !! – sind die Gradmesser für Beliebtheit, vor allem in den unteren Jahrgangsstufen. Nach Ansicht des Jugendforschers steht hinter dem Überschwänglichen die Angst, in der Gleichaltrigengruppe an den Rand zu geraten. „Kommen Sie nicht auf die Idee, einer 14-Jährigen das Handy wegzunehmen. Der dauerhafte Kontakt zu ihren Freundinnen ist Rückversicherung und emotionale Basis im langen Schulalltag,“ erklärt Voigt, der soziale Medien nicht als einzigen Grund für diese Dramatisierung sieht: „Sie sind lediglich Bühnen und als solche kaum für die Ich-Entwürfe der Teenager verantwortlich.“ Die Symptome dieses Jugendkults fasst der Autor als „Schulmädchensyndrom“ zusammen.

Wer sich mit kritischen Fragen der Lebenswelt von Teenagern nähert, dem begegnet teils der Vorwurf, er reite auf der Welle der „Moral Panic“. Dennoch fragt Voigt, wie es Kindern geht, die von klein auf in Ganztagseinrichtungen wegorganisiert werden und mehr unter Gleichaltrigen sind als zu Hause? Im steten Bezug auf die psychologische Bindungsforschung untersucht Voigt die familiäre Erosion, die zunehmende Gleichaltrigenorientierung und den vielschichtigen Begriff „Sexualisierung“ als weitere Ursachen neben den neuen Medien. Anhand umfangreicher Korpusmaterialien belegt der Jugendforscher Anzeichen für das Verhalten unsicher gebundener Kinder, die bereits zu standardisierten Mustern geworden sind. Deutschlandweit zu beobachtende Beschwörungen und Verlustängste wie „nie wieder ohne dich, ich liebe dich sooo sehr, ich will dich niiiee niieee wieder verlieren“ in den Online-Gästebüchern allerbester Freundinnen sieht Voigt nicht nur als modernes Ausgestalten von Freundschaften sondern auch als Ausdruck mangelnder emotionaler Zuwendung und Bestätigung in der Kindheit.

Verschiedene Faktoren in den Kernfamilien, den Schulen und den vereinnahmenden Netzwelten können dazu führen, dass ein ‚gesunder Reifungsprozess‘ nach Meinung von Voigt auf der Strecke bleibt und eine sogenannte Notreife und Scheinselbständigkeit nach sich zieht.

„Wenn sich ganze Generationen zunehmend unter Gleichaltrigen sozialisieren, ist das sehr ernst zu nehmen,“ so Voigt, „denn eine ausgereifte Identität braucht starke vertikale Wurzeln. Mädchen im Netz ist kein klassischer Elternratgeber und doch könnte es das Buch sein, auf das Eltern von kleinen Smartphonejunkies lange gewartet haben.“ Nebenbei liefert es einen Überblick über die Social Media-Entwicklung – von ihren Anfängen im neuen Jahrtausend bis heute.

Martin Voigt promovierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) mit einer Arbeit über „Mädchenfreundschaften unter dem Einfluss von Social Media“. Als einer der Ersten betrieb er aktive Feldforschung im Bereich der schülernahen Onlinemedien und betreute für die Bundespolizei das Präventionsprojekt „Selfies im Gleisbett“.


Martin Voigt
Mädchen im Netz
süß, sexy, immer online
2016, 235 S., 22 Abb.
Softcover € 14,99 (D) | € 15,41 € (A) | sFr 19.00 (CH)
ISBN 978-3-662-47034-3
Auch als eBook verfügbar

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