Warum Polen blüht und die Ukraine im Chaos versinkt

Springer VS-Handbuch erklärt Erfolg und Scheitern gesellschaftlicher Transformationsprozesse

Wiesbaden, 03. Dezember 2014

Vor 25 Jahren fiel das Sowjet-Imperium auseinander: unerwartet, in rasendem Tempo, die betroffenen Gesellschaften von Grund auf umwälzend. „Die Erwartung, dass mit Demokratie und Marktwirtschaft Lebenschancen und Wohlstand wachsen, erfüllte sich weder unmittelbar noch überall“, konstatieren Soziologe Raj Kollmorgen, Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel und Wirtschaftswissenschaftler Hans-Jürgen Wagener. Denn Transformationsprozesse ganzer Regime sind für die drei Herausgeber des gerade bei Springer VS erschienenen Handbuch Transformationsforschung komplexe Vorgänge mit offenem Ausgang. Es gehe dabei nicht nur um eine bewusste Umgestaltung von politischer Praxis, ökonomischer Aktivität und gesetztem Recht, sondern auch um einen tief greifenden Einschnitt in die sozialen Verhältnisse, die Lebenswelt und die Kultur der Bürger. Im Handbuch haben Kollmorgen, Merkel und Wagener jetzt 71 nationale wie internationale Autoren der Politik-, Rechts-, Wirtschafts-, Sozial- und Kulturwissenschaften zusammengebracht, um das Forschungsfeld Transformation aus interdisziplinärer Perspektive zu kartieren.

Polen hat nach einer kurzen Transformationskrise sowohl eine funktionierende Demokratie als auch eine der dynamischsten Volkswirtschaften in Europa entwickelt. Die benachbarte Ukraine hingegen kämpft mit sich und Russland um ihre Identität und das wirtschaftliche Überleben. Der Erfolg Polens und die Probleme in der Ukraine kommen nicht von ungefähr, sagt Wolfgang Merkel: „Sie lassen sich aus den historischen Bedingungen und dem aktuellen Kontext erklären.“ Ein historischer Epochenumbruch erfasse die Gesellschaft immer als Ganzes und könne nur durch die Zusammenarbeit aller Gesellschaftswissenschaften adäquat analysiert werden. „Bei einem so umfassenden Vorhaben ist es unerlässlich, sich die unterschiedlichen theoretischen und methodischen Herangehensweisen der beteiligten Wissenschaften klarzumachen“, stellt Hans-Jürgen Wagener daher die Wichtigkeit der im Handbuch vorhandenen Übersicht über Diskursverfahren und das empirisch-analytische Instrumentarium der beteiligten Einzelwissenschaften heraus. Während Ökonomen zum Beispiel häufig mit dem „Washingtoner Konsens“ – also „one size fits all“ – vereinfachten, wiesen Sozial- und Kulturwissenschaftler gerne auf Pfadabhängigkeiten, tradierte Werte und Vorstellungen hin, die eine plötzliche integrale Neuordnung verhindern oder zumindest abbremsen können.

Die postsozialistische Transformation ist kein einmaliges historisches Ereignis, so Raj Kollmorgen: „Andere Beispiele sind die Meiji-Restauration in Japan nach 1860, die kemalistische Umgestaltung der Türkei nach dem Ersten Weltkrieg und der Übergang zum Sozialismus nach der Revolution in Russland beziehungsweise nach dem Zweiten Weltkrieg in Mittel- und Osteuropa sowie China.“ Auch Nordafrika und der Nahe Osten werden aktuell von schmerzvollen Transformationsversuchen mit noch unbekanntem Ausgang erschüttert. Gerade in der arabischen Welt fehlten dabei viele Voraussetzungen, die eine erfolgreiche Wandlung hin zur Demokratie wahrscheinlich machen. In all diesen Fällen entwickelt sich eine dialektische Spannung zwischen nationalen Entwicklungspfaden und bewusst herangezogenen internationalen Vorbildern, schreibt Dirk Berg-Schlosser in seinem Beitrag zur neuen politischen Kultur im Handbuch: „Transformationen politischer Systeme beinhalten immer auch die Frage nach der Vereinbarkeit bestehender politisch-kultureller Hintergründe mit neuen politischen Strukturen und Ordnungsformen“.

Das Forschungsfeld Transformation zwingt die Sozialwissenschaftler zur Zusammenarbeit, fassen die Herausgeber zusammen: „Das Handbuch dokumentiert solche Bemühungen und die daraus erwachsene umfangreiche Literatur.“ Es dient daher nicht nur zur Information über historische Prozesse, sondern auch als Orientierungshilfe in der Vielfalt der Gesellschaftswissenschaften.

Professor Dr. Raj Kollmorgen lehrt Soziologie und Management sozialen Wandels an der Hochschule Zittau / Görlitz.

Professor Dr. Wolfgang Merkel ist Direktor der Abteilung „Demokratie und Demokratisierung“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und lehrt Politische Wissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Professor Dr. Hans-Jürgen Wagener lehrte Volkswirtschaft an der Rijksuniversiteit Groningen und der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder).

Raj Kollmorgen | Wolfgang Merkel | Hans-Jürgen Wagener (Hrsg.)
Handbuch Transformationsforschung
2015, 799 S., 10 Abb.
Softcover € 59,99 (D) | € 61,67 (A) | sFr 75.00 (CH)
ISBN 978-3-658-05347-5
Auch als eBook verfügbar

Bild: Coverabbildung des neuen Handbuch Transformationsforschung von Springer VS | © Springer

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