Muslima mit Kopftuch: Keine Chance auf eine Lehrstelle?

Wie migrantische Jugendliche bei der Lehrstellen- und Arbeitsplatzvergabe benachteiligt werden

Wiesbaden, 27. Mai 2015

© Springer„Diskriminierung betrifft nicht nur Jugendliche mit Hauptschulabschluss, sondern auch hoch qualifizierte Hochschulabsolventen sind betroffen.“ Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie über den Zugang zur beruflichen Bildung von Albert Scherr, Caroline Janz und Stefan Müller. Die Soziologen zeigen damit entgegen der bisherigen medialen, politischen und wissenschaftlichen Sichtweise, dass Benachteiligung von Migranten bei der Lehrstellenvergabe nicht als reine Folge schulischer Benachteiligung zu betrachten ist. Im bei Springer VS erschienenen Buch Diskriminierung in der beruflichen Bildung stellen die Autoren die Ergebnisse ihres von der Baden-Württemberg Stiftung unterstützten Forschungsprojektes vor und beschreiben die vielfältigen Ursachen und Gründe betrieblicher Diskriminierung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Auf dieser empirischen Grundlage werden Erfordernisse und Potenziale für die Überwindung dieser Benachteiligung und damit für mehr Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt verdeutlicht.

„Auch wenn angenommen wird, dass sich Betriebe bei Personalentscheidungen immer für den Bewerber entscheiden, der den Anforderungen der Aufgabe am besten entspricht: Die Auswahlprozesse bei der Lehrstellenvergabe erfolgen nicht immer leistungsgerecht“, bringt Albrecht Scherr das Problem auf den Punkt. Benachteiligungen ließen sich dabei nicht angemessen durch diskriminierende Absichten erklären. Vielmehr resultierten sie aus Kalkülen, die aus Sicht der Betriebe betriebswirtschaftlich rational sind. Ein entscheidendes Auswahlkriterium sei zum Beispiel die Passung in das Unternehmen als soziale Gemeinschaft: „Wer von den jeweiligen Normalitätsvorstellungen abweicht, hat schlechtere Karten.“ Manche Arten der Diskriminierung seien zudem weitgehend sozial akzeptiert, was schnell zum Ausschluss führe: „35 Prozent der von uns befragten Betriebe stellen keine kopftuchtragenden Muslima ein und über zehn Prozent gar keine Muslime.“ Häufig verwiesen Firmen auf die Notwendigkeit, von der Kundschaft akzeptierte Mitarbeiter einzustellen. Für den Autor eine Argumentation ohne Grundlage: „Die Betriebe verfügen meist über kein gesichertes Wissen zu den Erwartungen ihrer Kunden.“

Im Ausmaß der Diskriminierung aber ergaben die Ergebnisse große Unterschiede unter den Betrieben, so Scherr: „Die Geschichte des Unternehmens hat einen genauso großen Einfluss wie das Selbstverständnis zwischen Weltmarktorientierung und regionaler Ausrichtung.“ Weitere Faktoren seien branchen- und berufsspezifische Merkmale – insbesondere in Abhängigkeit von der Bedeutung von Kundenkontakten. In Großbetrieben seien Konzepte einer nicht-diskriminierenden Personalpolitik oft bereits realisiert, während die Anpassung für kleine und mittelständische Unternehmen eine bisher ungelöste Herausforderung darstelle. Demonstrative Bekenntnisse zu Diversity-Programmen genügen nicht, so das Fazit der Autoren: „Es ist notwendig, diskriminierende Einstellungen und Praktiken als Problem anzuerkennen und sie auf betrieblicher Ebene genau zu analysieren, um auf dieser Grundlage betriebliche Anti-Diskriminierungsstrategien zu entwickeln.“ Unverzichtbar seien zudem für Betroffene gut erreichbare Beschwerdestellen, die mit Eingriffskompetenzen ausgestattet sind.

Professor Dr. Albert Scherr ist Direktor des Instituts für Soziologie der PH Freiburg.

Caroline Janz ist Direktor des Global Studies Programme und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Dr. Stefan Müller war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der PH Freiburg und ist derzeit Vertretungsprofessor an der Universität Duisburg-Essen.

Albert Scherr | Caroline Janz | Stefan Müller
Diskriminierung in der beruflichen Bildung
Wie migrantische Jugendliche bei der Lehrstellenvergabe benachteiligt werden
2015, 193 S.
Softcover € 34,99 (D) | € 35,97 (A) | sFr 37.00 (CH)
ISBN 978-3-658-09778-3
Auch als eBook verfügbar

Bild: Coverabbildung des Buchs Diskriminierung in der beruflichen Bildung von Springer VS | © Springer

Weitere Informationen

Informationen zum Buch

Downloads

Coverabbildung

Inhaltsverzeichnis

Vorwort Baden-Württemberg Stiftung

Probeseiten

Logo Springer VS

Service für Journalisten

Journalisten erhalten auf Anfrage ein Rezensionsexemplar des Buchs Diskriminierung in der beruflichen Bildung von uns zugesandt. Darüber hinaus gibt es aber auch die Option, unsere Titel als eBook sofort über einen Online-Zugriff zu nutzen. Dazu müssen Sie sich lediglich einmalig registrieren.

Unser SpringerAlert für Buchrezensenten gibt Ihnen die Möglichkeit, regelmäßig zu unseren Neuerscheinungen informiert zu werden. Auch dafür müssen Sie sich einmalig anmelden und Ihr Interessensprofil eingeben.

Kontakt

Karen Ehrhardt | Springer | Corporate Communications

tel +49 611 7878 394 | karen.ehrhardt@springer.com

Google+