Jenseits der Debatte über „ganz normale deutsche Männer“

Neuer Band erklärt die Beteiligung von Polizisten und Soldaten am Holocaust erstmals aus organisationssoziologischer Perspektive

Wiesbaden, 13. Mai 2015

A_9783658068943.jpg © SpringerWarum vor 70 Jahren so viele Deutsche bereit waren, sich an dem rassistisch motivierten Vernichtungsprogramm der europäischen Juden zu beteiligen, bleibt eine der großen Fragen im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus im Dritten Reich. Mit ihrer Erklärungsthese von den „ganz normalen Organisationen“ lösen Stefan Kühl und Alexander Gruber eine neue wissenschaftliche Debatte über den Holocaust aus. Ist die Beteiligung an Deportationen und Massenerschießungen tatsächlich vor allem mit der organisationalen Einbindung in den NS-Staat zu erklären? Überlagert diese die große Vielfalt an emotionaleren Motiven wie Überzeugung, Zwang, Kameradschaft oder Geld? Im neuen Springer VS-Band Soziologische Analysen des Holocaust präsentieren die beiden Herausgeber Beiträge, die am Beispiel des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 die Beteiligung der Ordnungspolizisten am Holocaust organisationssoziologisch erklären.

„In den Beiträgen des Bandes geht es nicht vorrangig darum, bislang unbekannte beziehungsweise in Vergessenheit geratene historische Sachverhalte darzustellen, sondern neue soziologische Perspektiven auf historisch bereits erschlossene Sachverhalte zu entwickeln“, erklärt Stefan Kühl. Die Diskussion über die Massentötungen von Juden durch das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 gehöre zu den großen Debatten und damit auch zu den am besten erforschten Holocaust-Themen. Bisher allerdings habe sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung im Anschluss an die Studien des Historikers Christopher Brownings und des Politikwissenschaftlers Daniel Goldhagen vorwiegend um die augenscheinliche „Normalität“ der an den Massentötungen beteiligten Polizisten des Hamburger Reserve-Bataillons 101 gedreht. Der neue Band hingegen nimmt eine grundlegende Neuinterpretation vor, so Kühl: „Jenseits der ‚ganz normalen Männer‘ und der ‚ganz normalen Deutschen‘ wird der Holocaust erstmals systematisch aus soziologischer Perspektive betrachtet.“

„Statt die Normalität der Polizisten und damit der Personen in den Vordergrund zu stellen, wird die Normalität der beteiligten Organisationen zum Ausgangspunkt der Forschung gemacht“, beschreibt Alexander Gruber diese neue Perspektive. Das Reserve-Polizeibataillon 101 werde demnach als Organisation verstanden, die mit anderen verglichen und mit an anderen Organisationen erprobten Erklärungsansätzen analysiert werden kann: „Die entworfenen soziologischen Perspektiven auf das Reserve-Polizeibataillon 101 gehen davon aus, dass eine ganz normale Organisation am Werk ist, die die Polizisten auf ganz normale Weise dazu bringt, ihnen übertragene Aufgaben zu übernehmen, eben weil sie Teil dieser Organisation sind.“ Darüber hinaus werde erklärt, welche Rolle die Familienangehörigen der Polizisten spielten, auf welche Weise ihre hohen Freiheitsgrade zur Motivation für die Tötungen beitrugen, und warum es stets auch Ansätze zur Verweigerung von Polizisten und Soldaten gab. Ebenso, welche Mechanismen der Entmenschlichung der Opfer zum Einsatz kamen und warum die Zugehörigkeit zu einer Organisation aus ‚ganz normalen Männern‘ am Ende Mörder machen konnte.

Mit der These von den „ganz normalen Organisationen“ leisten die Autoren einen wichtigen Beitrag für eine soziologische Analyse des Holocaust, die sich von den dominierenden Analysen der Geschichtswissenschaft durch ihre theoretische Perspektive unterscheidet. Die Ergebnisse sind dabei stets aktuell, sagen Kühl und Gruber: „Mit Hilfe der soziologischen Systemtheorie lässt sich nicht nur gut erklären, wie und warum Organisationen im Nationalsozialismus funktioniert haben, sondern auch, wie viele dieser Mechanismen denen heutiger Organisationen ähneln.“

Alexander Gruber lehrt Soziologie an der Universität Bielefeld und forscht zur Soziologie der quantitativen Steuerung am Beispiel der Strategie und des Controllings in Polizeibehörden.

Stefan Kühl lehrt Soziologie an der Universität Bielefeld und arbeitet an einer soziologischen Reinterpretation sozialpsychologischer Experimenten zur Gehorsamkeitsbereitschaft.

Alexander Gruber | Stefan Kühl (Hrsg.)
Soziologische Analysen des Holocaust
Jenseits der Debatte über "ganz normale Männer" und "ganz normale Deutsche“
2015, 254 S.
Softcover € 39,99 (D) | € 41,11 (A) | sFr 42.50 (CH)
ISBN 978-3-658-06894-3
Auch als eBook verfügbar

Bild: Coverabbildung des Buchs Soziologische Analysen des Holocaust von Springer VS | © Springer

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