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Medizin & Gesundheitsberufe - Medizin News | Gefahr liegt in der Luft

Gefahr liegt in der Luft

Seit Ende des 18. Jahrhunderts „4711“ seinen Siegeszug antrat, fiebert die Kosmetikbranche alljährlich dem Weihnachtsgeschäft entgegen und lockt mit dem Ideal von Schönheit und Attraktivität. Doch dient der Wohlgeruch auch stets dem Wohlbefinden?

Allgegenwärtig, doch kaum untersucht 

Duftstoffe sind nahezu allgegenwärtig. Sie finden sich in klassischen Parfüms, Hygieneartikeln, Putz- und Reinigungsmitteln und vielen anderen Produkten des täglichen Gebrauchs. Trotz einer Flut an „Verbraucherinformation“ ist aber nur wenigen bekannt, welches Gefahrenpotenzial von den fast 3000 verschiedenen, als Duftstoff verwendeten Substanzen ausgehen kann.
So sind Duftstoffe nach Nickel die häufigsten Verursacher von Kontaktallergien. Nach einer Studie des Umweltbundesamtes leben in Deutschland mindestens eine halbe Million Duftstoff-Allergiker. Besonders Eichenmoos und Isoeugenol sind in diesem Zusammenhang zu nennen. 26 stark allergene Duftstoffe müssen nach einer EU-Kosmetikrichtlinie inzwischen deklariert werden, sofern sie oberhalb einer definierten Konzentration verwendet werden. Von vielen der 3000 Substanzen liegen allerdings nur lückenhafte Beurteilungen ihres gesundheitsgefährdenden Potenzials vor. Nahezu unerforscht sind insbesondere die Wechselwirkungen der in einem Parfüm eingesetzten verschiedenen Komponenten miteinander und die daraus resultierenden mittel- bis langfristigen Folgen für den Anwender.

Duft, der unter die Haut geht 

Einige Substanzen, z. B. Moschus-Xylol, wurden inzwischen als schwer abbaubar identifiziert und gelangen über die Nahrungskette bis in die Muttermilch. Weitere, neuartige polyzyklische Moschusverbindungen wurden in hohen Konzentrationen im Klärschlamm nachgewiesen und werden leicht von Pflanzen über den Boden aufgenommen. Auch die polyzyklischen Moschusverbindungen haben sich inzwischen in der aquatischen Nahrungskette, im Fettgewebe und in der Muttermilch angereichert. Tierversuche zeigten darüber hinaus, dass auch die Resorption und direkte Weiterleitung der Duftstoffe bis in den Bulbus olfactorius nicht ausgeschlossen werden kann.
Zwar sind all diese Substanzen nicht als toxisch eingestuft, erste Hinweise auf endokrine bzw. antiöstrogene Wirkung fanden sich aber.

Wenn Duft zum Gestank wird 

Hat im privaten Bereich noch jeder Einzelne die Möglichkeit, über die Verwendung von Duftstoffen frei zu bestimmen, sei es als Deodorant, im Auto oder als Air-Conditioner im Bad, so kann er sich der Disposition in öffentlichen Gebäuden kaum entziehen. Häufig werden sie nicht einmal bemerkt, da die Duftstoffe an der Grenze zur Wahrnehmungsschwelle eingesetzt werden, um in Kneipen und Lokalen ein angenehme Grundstimmung zu erzeugen, in Kaufhäusern das Kaufverhalten zu beeinflussen oder am Arbeitsplatz die Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen.
Besonders betroffen sind Personen mit einer multiplen chemischen Sensitivität (MCS). Diese Gruppe leidet stark unter der Verwendung von Duftstoffen. Der Leidensdruck führt häufig zu drastischen sozialen (Vereinsamung) und ökonomischen (Arbeitsplatzverlust) Konsequenzen für die Betroffenen. Ursache könnte ein deutlich erhöhter Spiegel an Entzündungsmediatoren in der Nasenlavaflüssigkeit der MCS-Patienten sein. Darüber hinaus rufen die bisher lediglich als Kontaktallergene eingestuften Duftstoffe auch bei Patienten mit Astma bronchiale vermehrt Beschwerden hervor und verstärken bei Allergikern die Reizung von Bindehaut und Atemwegen.
Aus diesen Gründen regt das Umweltbundesamt an, auf den Einsatz von Duftstoffen in öffentlichen Gebäuden zu verzichten, um die Gesundheit empfindlicher Personen nicht zu beeinträchtigen.
Verfasser dieses Themas der Woche: Jürgen Meyer zu Tittingdorf

Unser Tipp 

Der Originalbeitrag "Anwendungen von Duftstoffen" erscheint in Ausgabe 12/2005 der Zeitschrift "Bundesgesundheitsblatt" voraussichtlich am 19.12.2005.
Sie können auch Einzelhefte dieser Zeitschrift bestellen.

Diese Ausgabe informiert u.a. Diese Ausgabe informiert u.a. über folgende Themen: 

  • Übergewicht und Adipositas in Deutschland 1984–2003
  • Sport und Gesundheit bei Erwachsenen in Deutschland
  • Inanspruchnahme des Gesundheitswesens
  • Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität