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Supramanie: Der Wille wie eine Lenkrakete

Eine Gedankenschlinge um die so genannte Vernunft: Krrrk!



Sie röchelt noch ein bisschen. Denn, im Ernst:

Fast alle Vernunft ist künstlicher Trieb.

90 Prozent? Oder mehr?



Ich habe mich immer beim Zähneputzen gedrückt, weil mir meine Mutter so invasiv scheltend hinterher war. „Wie oft muss ich dir Vernunft predigen!“ Die Erwachsenen überbrücken immer ziemlich viel Zeit, bis sie diese bessere Lösung finden: „Wenn du jetzt nicht sofort putzt, hämmere ich dir die Vernunft ein!“



Wie soll ich sagen? Die Vernunft sitzt in diesem Sinne doch mehr an unseren empfindlichen Hautstellen oder im Ohrläppchen, nicht so sehr im Gehirn. Ich habe das Zähneputzen aus Angst vor Unannehmlichkeiten vollzogen, nicht aus Vernunft, die ich durchaus hätte aufbringen können. Ich habe mich oft davor gedrückt. Etwa in dieser Art: Ich raschelte mit dem Wasser, gurgelte ein wenig vor dem Spiegel. Ich hätte in dieser Zeit schon längst meine Zähne putzen können, aber ich wollte es nicht, weil es meine Mutter so sehr wollte. Ich simulierte akustisch das Hin und Her der Bürste und das Fließen von Wasser. Während dieser Untat vibrierte meine Körperchemie. Meine Sinne waren wie riesige hypersensible Weltraumantennen auf feinsten Empfang geschärft, für den Fall, dass sie überra-schend herein käme. Es fühlte sich wie Angst an … Und meine Antennen sind ganz bestimmt in der Haut. Punkt. Nicht im Gehirn. Ich grübele ja nicht dabei, sondern ich strecke meine Sinne aus! Wie ein Reh, wenn es wittert.



Mein Zahnarzt Armin Senghaas aus Gaiberg hat mir erst in höherem Alter fast mathematisch bewiesen, dass meine Zähne und Zahnfleisch dramatisch besser werden, wenn ich jedes einzige Mal die volle Prozedur mit Zahnlückenbürste, dann 42000 Umdrehungen pro Oralminute und anschließendem Teebaumölspülen einhalte. Er lächelte neulich so ganz besonders, als ich wieder bei ihm reinschaute – nein, er schaute rein: „Nichts.“, sagte er zart und lächelte. Heute putze ich Zähne aus Vernunft. Wenn ich mich in tiefer Nacht im Hotel mit Eulenblick im Spiegel sehe und nur noch ins Bett will, sagt es in mir schwach: „Aber ich will noch Zähne putzen!“ Ich will. Es sagt nicht: „Du musst.“

ICH! WILL!



Immanuel Kant vertrat die Meinung, ich solle dahin kommen, meine Pflicht aus Neigung zu tun. Wenn ich vor dem Vernünftigen stehe, soll ich spüren: „Ich will dies tun.“ Und nicht: „Ich muss es tun, weil es das Vernünftige ist oder allgemein dafür gehalten wird.“ (Buckeln vor dem Chef, alles essen, was auf den Tisch kommt, schon dünne Kleider oder noch dicke Schminke auftragen.) Wenn ich das Vernünftige tun will, geht es wie von selbst.



Wenn aber in mir jemand sagt: „Du musst das tun!“ – wer ist das? Mein tierischer Trieb? Nein, der sagt immer „Ich!“ Es wird also mein Über-Ich sein? Ja, seinetwegen trenne ich Müll und hefte Kontoauszüge ab. Ich fahre 30 und meide Cholesterin. Ich muss alles Mögliche gut und vernünftig finden, was sich Hilfsstabssekretärsassistenten von wichtigen Menschen als deren erklärter unterschriebener Wille ausgedacht haben. Ich muss das „vertreten“. Das Fremde.



Es sind fremde Körper in mir. Wenn ich nicht tue, was sie wollen, verletzten sie mich. Ich habe Angst vor ihnen. Ich werde mich hüten. Die fremden Körper, die etwas wollen, bedienen sich aller neuzeitlichen Technologie. Sie sehen mich in Kameras und blitzen. Sie zwingen mich zu Computereingaben. Sie rufen mich an. Früher waren die fremden Körper nur als Körper da, so wie Eltern, die etwas wollen. Ach, Sigmund Freud! Mein Über-Ich ist überall! Es durchdringt den Äther und sitzt in jeder Ecke – in jedem Stück so genannter „Kommunikation“ ist ein fremder Körper verborgen, der etwas will: Fernsehwerbung, Verkehrsschilder, Personalakte, Pflichtenheft, Zeugnis, Anschlag. Ich soll selbst wollen, was das Fremde will.



Überall um mich herum wird dieser fremde Wille um mich herum organisiert. Anreizsysteme, Belohnungen, Karrieren, Beförderungen, Blumensträuße, Plaketten, Urkunden, Punkte, Scores, Aufstiege, Incentives.



Und wenn nun die Menschen mir zurufen: „Übernimm dich nicht! Überarbeite dich nicht! Denk an deine Familie! Versuche zu leben!“, dann sage ich nicht mehr: „Ich muss Karriere machen!“ Ich rufe allen freudig zu: „Ich will Karriere machen!“

Der fremde Trieb wurde erst als Pflicht verkleidet in mich hineingelassen. Nun aber, wenn ich hohe Belohnungen vor mir sehe, verwandelt sich der fremde Trieb in meinen eigenen.



Wie viel dessen, was ich vernünftig finde, ist fremder Trieb, den ich nun selbst als meinen eigenen erkenne?

90 Prozent. Mindestens. Oder mehr?

Ein kurzer Blick zurück: Der Pflichtmensch 

Früher brach man den Willen des Menschen und zwang ihn zur Pflicht. Man sagte: „Wir bringen ihm Vernunft bei.“ Jahrelang wurde er in dem Zustand „Du musst!“ gefangen gehalten, bis er sich gewöhnte. „Der Mensch gewöhnt sich an alles. Es braucht nur Zeit und Härte. Wenn dies konsequent durch-gehalten wird, wird der Mensch bald hart gegen sich selbst sein können, dann ist niemand mehr hart gegen ihn. Er ist dann gut beraten, gerne zu tun, was nötig ist. Wer das Nötige tun will, besitzt Tugend. Dann ist er weise.“
Freud zeigte uns unser Es, unseren Antrieb oder Eigenwillen, den unsere Kultur in ordentliche Bahnen lenken will: „Nicht so schnell, nicht so laut, nicht so ungestüm! Vorsicht! Pass auf! Hör doch einmal zu! Sieh, wie ich es mache! Hilfe, so nicht, nicht fallen lassen, schon passiert, siehst du, es klappt rein überhaupt nichts, wenn ich nur daneben stehe und meckere! Mach es, wie ich sage, dann geht alles wie von selbst!“ Wenn wir noch klein sind, steht meist ein derart sprudelnder Erwachsener über uns. Über uns! In jeder Beziehung. Das haben wir recht bald über. Deshalb bilden wir einen Ersatzerwachsenen in unserem Gehirn, der eben Freud Über-Ich genannt wird. Das Über-Ich ist so eine Art Spezialtrieb, dessen Ausbildung eine Art Haupterziehungsziel der westlichen Pflichtkultur gewesen zu sein scheint. Man wollte wohl, dass wir diesen Ersatzerwachsenen im Kopf, der den fremden Willen repräsentiert, irgendwann für uns selbst halten. Dann ist endlich Ordnung. „Du redest schon wie Papa!“
Solange jeder Mensch klaglos gut funktionierte – dann geschah sein Leben wie von allein! Niemand tat etwas – und alles geschah, weil alles funktionierte! Das Leben wurde früher wie ein Prozessablauf gesehen, der Teil eines größeren Systems ist. Die Prozessabläufe des Lebens wurden in den letzten Jahren durch Informatiker und Entwickler in Computern modelliert, die uns mehr und mehr wie Ersatzerwachsene beim Leben helfen. Computer sind höflicher als Ersatzerwachsene, aber härter im Nehmen. Sie sagen nicht: „Du bist unfähig!“, sondern: „Willst du wirklich das Programm abstürzen lassen?“ Nicht: „Wieder falsch geschrieben, pass doch auf!“, sondern: „Eingabe ungültig.“ Computer kümmern sich ausschließlich um das Zentrale, nämlich um die Prozessbearbeitung. Die Pflicht muss getan werden! Computer müssen nicht Kant lesen und dann Neigung zur Pflicht entwickeln.
Da fällt mir ganz bildhaft ein, wie neulich neben mir der Fahrer eines Wahnsinns-BMW nach fünfma-ligem Fehlverbindungsversuch mit einer Stauleitzentrale oder etwas Ähnlichem das Navigationsdingens rasend wütend anschrie: „Sch…!!“ Das Gerät (es war eine Frau) sagte ganz ruhig: „Wortkombination nicht bekannt. Bitte wiederholen Sie!“ Na, ich glaube ja nicht, dass Wiederholen beim Computer hilft, wenn er’s nicht kennt.
Man kann sich den pflichttreuen Menschen so vorstellen, dass er sich so prozesskonform wie ein gut programmierter Computer benimmt. Ich habe zum Beispiel einmal in Gegenwart meiner Mutter „Sch…!!“ gesagt. Sie entgegnete: „Dieses Wort kenne ich nicht.“
In den Unternehmen hieß der Pflichtmensch „Organization Man“, weil es über ihn ein berühmtes Buch von William H. Whyte aus dem Jahre 1956 gibt. „Organization Man“ bekommt einen Firmen-ausweis und hält alle Prozesse ein. Er hat keinen eigenen Willen. Er willigt in das Fremde um ihn herum ein. Deshalb nennt er sich loyal. Er internalisiert die Ziele des Unternehmens und arbeitet geduldig die Prozesse ab. Vorgang für Vorgang, Akte für Akte. Schritt für Schritt. Eins nach dem andern. Dafür steigt er Stufe für Stufe auf, Rang für Rang, Gehaltserhöhung für Gehaltserhöhung. Sein Leben weiht er dem Unternehmen. Das Unternehmen sorgt für ihn und seine Familie, feiert mit ihm, lebt mit ihm. Eine Altersversorgung ist ihm sicher. „Organization Man“ wird versorgt, ist sicher und geborgen. Sein wirklicher Ersatzerwachsener ist das Unternehmen. Und alles ist gut so, für ihn selbst und für das Unternehmen. Das sah fast weise aus, weil irgendwie Pflicht und Neigung näher zusammenkamen. So war es früher.
Der ideale Pflichtmensch war wie ein Rad im Getriebe, gesteuert wie durch den Algorithmus eines Computers.
Computer aber haben leider keinen Willen! Deshalb brauchen wir noch Menschen.

Supramanie! 

Wille ist noch nicht programmierbar. Computer haben keine Angst, weil wir Ihnen keine Beine machen oder Furcht einjagen können, arm zu sein. Den Willen müssen heute noch wir selbst beisteuern!
Leistungsmessungen von Menschen scheinen zu beweisen, dass diejenigen Menschen, denen der Wille gebrochen wurde, nicht mehr wirklich zu Höchstleistungen taugen. Gute Organisationsmanager behaupten regelmäßig, alle Pflichtmenschen gleichmäßig überdurchschnittlich hinzubekommen. Was aber, wenn Spitzenleistungen gefordert werden müssen? Was aber, wenn es überhaupt nur auf Spitzenleistungen ankommt, wie etwa in Pharmalabors oder Universitäten? Welchen Sinn hat in einer globalen Welt etwas Zweitbestes? Was sagt man einem, der eine Erfindung von gestern Abend heute noch einmal als Patent anmelden will?
„Es kann nur Einen geben!“ – „Nur der Beste gewinnt!“ – „The winner takes it all!“ – „Nummer Eins sein ist alles, alles andere ist nichts.“
Wenn nur der oder die Beste zählt, ist Kampf angesagt! Wenn nur Gewinner Gewinn machen, hilft keine noch so große loyale Überdurchschnittlichkeit eines Pflichtmenschen. Es ist eine Zeit der Raubtiere, die sich die Pflanzenfresser einverleiben.
Fazit: Eine Gesellschaft, die nur die Besten belohnt, nur die Erfolgreichen, die Chartsieger, die Meister, die Top-Manager, die Top-Spezialisten, die Top-Performer – eine solche Gesellschaft muss nun Raubtiere heranziehen, nicht mehr ruhige Milchkühe, die grasen, und sich melken lassen.
Ist es dann sinnvoll, dem jungen Menschen den Willen zu brechen und dann als Ersatz die Pflicht einzuimpfen?
Wer Sieger will, braucht vor allem Siegeswillen. Deshalb muss der Wille des neuen Menschen gestärkt werden, nicht aber gebrochen.
Der Wille muss aufgeputscht werden: Leidenschaft ist gefordert, Begeisterung für die geforderte Arbeit, bedingungsloser Einsatz!
Deshalb sollen wir heute alle wie Raubtiere werden. Das Obensein wird wie ein Höherwertigkeitstrieb in uns gepflanzt, während der Pflichtmensch früher durch Minderwertigkeitsfurcht über der Durch-schnittlichkeitsgrenze gehalten wurde. Obensein ist alles!
Die erste Pflicht des heutigen Menschen ist es, die Nummer Eins zu sein.
Er soll süchtig sein, nach oben zu kommen.
Es ist die Zeit der Supramanie.
Supramanie – das ist ein dunkel klingendes künstliches Wort, das ich als Buchtitel meines Anschlusswerkes zur Omnisophie gewählt habe. Untertitel: Vom Pflichtmenschen zum Score-Man.
Wenn die Raubtiere allesamt einzeln siegen sollen, was tun sie dann? Sie kämpfen um Anteile, sie kämpfen gegeneinander. Sie stehen im gnadenlosen Wettbewerb. Jeder gegen jeden, nur einer oder zwei bleiben übrig. Der bloße Pflichtmensch tut nicht genug. Er fügt sich bloß ein.
Es wird ein neuer Menschentyp verlangt. Ich nenne ihn: Score-Man. Der Mensch von heute wird gemessen und geratet, eingeschätzt und gerankt. Alles kommt auf seinen Tabellenplatz in der Rangliste an, der seinen Abstand von der Nummer Eins anzeigt. Ist er Aufsteiger? Steigt er ab und muss bald in eine andere Liga, in der er unten irgendwo doch noch der Beste sein kann, in einer kleinen Nische, in der keine Großen sind?

Zeit des Supratriebes 

Der neue Supramensch entsteht durch Aufpeitschen des Willens. Das Brechen des Willens ist abgesagt. Der Supramensch soll mit einem Supratrieb ausgestattet werden. Dazu schickt man ihn in Kämpfe und Wettbewerbe. Sie heißen Turnier, Klausur, Test, Wettkampf, Vergleich, Leistungsmessung, Bewertungsrunde. Der Supramensch bekommt überall Rangnummern. Er weiß, wie hoch er gekommen ist. Hochleister? Aufsteiger? Versager? Die Versager steigen ab, werden entlassen oder abgeschoben. Furcht breitet sich aus.
Das Prinzip der Supramanie beruht auf künstlicher Not, aus der sich Menschen nur befreien können, so lange sie Spitzenleistungen bringen.
Spitzenleistungen werden zum Teil fürstlich belohnt. Alles Gold dem, der Sieger ist!
Der Wille des Menschen wird aufgepeitscht und in eine vom System gewünschte Richtung gelenkt. Der Wille wird der Richtung folgen, in der das Gold am Horizont liegt.
Wenn ich das Gold will, will ich das Fremde. Aus „Du musst!“ wird „Ich will!“ Das Fremde gibt sich wie Vernunft oder Wissenschaft, die erforscht hat, dass alles global darwinistisch sein muss. Wenn ich dazu „Ich will!“ sagen kann, gehe ich den Weg dieser Vernunft, die aber künstlicher Trieb ist, um mich zum Raubtier zu wandeln. Deshalb sagte ich: 90 Prozent der Vernunft sind Trieb. Oder mehr?

Wie kämpft, wer nicht siegen kann? 

Wer nicht siegen kann, ergeht sich in Drohgebärden, er stellt Beine, versteckt sich, legt sich in Hinterhalte, führt Guerillakriege und versucht sich im Terror. Was sollte er tun?
Menschen beginnen, die Zahlen zu schönen, Punkte herauszuholen, die Messsysteme zu beschummeln und zu stehlen („Es ging um meinen Job, es ist quasi nur Mundraub gewesen). Menschen stellen sich als den Sieger dar. („Diese Wahl hatte nur Sieger.“) Sie putzen das Vorteilhafte bei der Arbeit heraus: „Von allen in der Abteilung habe ich mich am meisten bemüht.“ Sie schmälern die Verdienste der Sieger: „Sie haben uns um unseren Lohn betrogen, denn es war eigentlich unsere Idee.“ Sie hetzen im Windschatten der Sieger: „Ich bin sein Knappe, gib mir Geld, damit ich dich zu ihm lasse.“ Sie spezialisieren sich auf unsinnige Nischen, wie es fast aller Wissenschaft eigen ist: „Ich bin der Sieger in dem Fach NLP = LP für die Spezialklasse der Nemathelminthes.“ Sie üben sich alle in der Kunst, sich zum Sieger zu erklären, was ich schon öfter als die inverse Optimierung, also die Topimierung beschrieben habe. (Topimierung hat die Erfindung eines Optimierungsproblems zur Aufgabe, dessen einzige optimale Lösung der eigene Status Quo ist. Insofern löst die Topimierung das mathematische Problem, sich selbst zum Sieger zu erklären.)
Manche Menschenarten, besonders wieder die Wissenschaftler, üben sich in der Kunst, eine kleine oder sehr vage klare Idee für den Schlüssel zur Rettung der Menschheit darzustellen, wenn denn die Menschheit nur anerkennen würde, dass diese Idee die beste wäre. („So wird aus dem realen Sozialismus der wahre Kommunismus – wenn nämlich alle Menschen nicht nur gleich sein müssen, sondern auch gleich sein wollen! Diese Idee hat Bedarf nach diesem Bedürfnis!“) Die Kunst, etwas Künftiges, das nicht eintritt, für den Sieger zu erklären, heißt natürlich Utopimierung – wie Utopie, nicht wahr? Ich erkläre eine Utopie für top – das ist eine relativ angenehme Form des Pseudo-Siegens.
Ach, ich lästere schon wieder unbestimmt! Sehen Sie es vor sich? Wissenschaftler fälschen Daten, damit ein Nobelpreis daraus wird. Manager schönen die Bilanzen. Bilanzbürokratie wird zur Bilanzakrobatik. Menschen machen allgemein Überstunden und geben hohe Leistung vor, die aber nur unter Opfer aller Wochenenden und der Familie möglich war. Menschen werden allergisch, stresskrank und neurotisch, die Kinder kaum noch richtig erzogen, mehr und mehr nur logistisch zwischen Aufbewahrungsstationen betreut … Scheidungen, Alkohol, Drogen! Alles Trieb, nicht wahr? 90 Prozent? Oder mehr?
Es liegt nicht an der schlechten Konjunktur, nicht am Irak-Krieg oder an Pisa.
Wir peitschen die Treibe der Menschen hoch, der Beste zu sein. Wenn aber alle die Besten sein wollen, was logisch nicht geht, dann kämpfen sie miteinander im Wettbewerb. In Kämpfen fließt Blut. Blut kostet.
Die Politiker haben wohl (bis auf ein paar, die ich namentlich aufzählen kann) in den letzten Jahrzehnten erkannt, dass Kriegführen zu teuer ist. Nationen bluten aus, wenn sie supraman sind. Nationen gedeihen besser, wenn sie in Frieden auskommen, Freunde werden, zusammenarbeiten, Vertrauen bilden, alles gütlich regeln.
Genau in diese wesentlich ökonomische Einsichtsphase hinein platzt der Beginn des Turbokapitalismus, der nun die Supramanie unter den Unternehmen wie den Shareholder-Value zum ultimativen Prinzip erhebt. Die Triebe, die sich zwischen Nationen entluden und die wir uns finanziell nicht mehr leisten können, werden nun ein Ebene tiefer gelegt. Unternehmen kämpfen.
Universitäten kämpfen. Lesen Sie’s noch einmal: Universitäten kämpfen! Um Rankings und Leistungszulagen, um das Überleben der Fakultäten („eine reicht für das Land“?). Wer ist der beste Forscher? Und wenn man keinen Nobelpreis schaffen kann: Wie forscht man, wenn man keine Idee hat? „Ich habe vor, nun den endgültigen Nachweis der Riemannschen Vermutung zu erbringen. Mein Zeitplan sieht disziplinierte 20 Jahre Forschung vor, also fällt die Lösung auf mein 72stes Lebensjahr. Ich bin bereit, so lange, auch unentgeltlich zu arbeiten. Lassen Sie mich nur eben bis dahin in Ruhe nachdenken. Sie werden sehen!“ So geht Utopimierung. Für Ärzte zum Beispiel gibt es ja schon Topimierungssoftware, die zu jeder Konsultation noch alle Behandlungspunkte auf die Rechnung schreibt, wie sie im Prinzip vorgekommen sein könnten: „Besonders schwerer Fall von Übergewicht, der einen doppelten Hebesatz rechtfertigt.“ Topimale Liquidation der Patienten. Bald gibt es sicher auch Software zur Erzeugung optimaler Vorschläge zur Erlangung von EU-Forschungsgeldern? Automatic Proposal Generator?
Weil nun im Kampf um das Gold im tiefer unter die Gürtellinie geschlagen wird, weil es unfair oder verschlagen zugeht, weil List und Tücke der Wehrlosen die Messungen der Rankings trüben, weil Marketingmaschinen Nebel werfen, muss es immer mehr Akkreditierungskommissionen, mehr Controller, mehr Polizei und Aufpasser aller Art geben …
Bald gibt es mehr Schiedsrichter als Spieler. Beim Fußball sind es immerhin schon mal drei auf zwei-undzwanzig Spieler, Tendenz steigend. Dazu zwei Bänke mit Scharfmachern am Rande. Mehr Preiskalkulatoren und Verspätungsansager als Züge!
Korrigiert jede Abiturarbeit fünfmal oder öfter! Zählt Erbsen, aber sorgfältig! Es muss gerecht zugehen in dieser Welt!
Es geht um das Überleben – da darf nicht geschludert werden …
In einer supramanen Welt, also einer, in der der Pflichtmensch die heilige allererste vornehmste Pflicht bekommt, der Sieger zu sein und damit zum Score-Man mutiert, wird ungeheuer viel Energie erzeugt und dann durch Kampfverluste wieder vernichtet. Wir arbeiten im Vergleich zu 1990 mindestens als Informatiker 50 Prozent länger, dazu dichter, haben dazu viel mehr Reisezeiten. Die meiste Zeit war Hochkonjunktur. Warum schwimmen wir nicht in Geld? Weil es für den Kampf gebraucht wird … Nicht gerade 90 Prozent, aber mehr als Sie denken.
Irgendwie lohnt sich Supramanie nicht. Hab’ jetzt ein ganzes Buch drüber geschrieben. Hätte gedacht, das reinigt meine Seele. Und jetzt kommt wieder so eine der trüberen Beta-Kolumnen heraus. Dabei wüsste ich, was zu tun wäre! Ich weiß aber nicht, ob ich es Ihnen mitteilen soll. Was mir so im Sinn ist, könnte ganz gut eine Utopimierung sein. Oder eine Art künstlicher Trieb notorisch für nötig gehaltener Weltverbesserungssehnsüchte in mir. Ich warte noch ein wenig, bis ich einen Zipfel davon zu 90 Prozent oder mehr real fassen kann. Im Augenblick kann ich es nicht fassen.
Gunter Dueck
 
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