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Medizin & Gesundheitsberufe - Medizin News | Intersexualität: Menschen zwischen den Geschlechtern

Intersexualität: Menschen zwischen den Geschlechtern

Die Behandlungsunzufriedenheit von Intersexuellen ist nach der Hamburger Intersex-Studie eklatant hoch. Die Gründe hierfür sind mangelnde psychologische Unterstützung, schlechte Diagnoseaufklärung und Zurschaustellung vor medizinischem Krankenhauspersonal.

Wer entscheidet über die Behandlung? 

Intersexuelle Menschen sind Personen, bei denen nicht alle geschlechtsdeterminierenden
und geschlechtsdifferenzierendenMerkmale des Körpers (z. B. Chromosomen, Gonaden, innere und äußere Genitalien etc.) eindeutig nur dem weiblichen oder männlichen Geschlecht entsprechen. Die Entstehung der Intersexualität bei einem Menschen ist in der frühen Embryonalphase zu suchen: Früher entschied man anhand der Geschlechtschromosomen, in welche Kategorie ein Patient fällt (intersexuelle Person mit XX-, XY- oder gemischtem Karyotyp). Heute sind die einzelnen Formen gut umschrieben und die Entstehung und Entwicklung der individuellen Intersexualität meist bekannt. Intersexualität ist mit einer Prävalenz von 2 von 10.000 Geburten sehr selten.
Bei der Behandlung intersexueller Patienten werden von den Ärzten oft irreversible Entscheidungen getroffen. Die mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen zur Welt Gekommenen wachsen in die Rolle hinein, die ihnen der Chirurg nach der Geburt buchstäblich auf den Leib geschneidert hat. Dies wurde in den letzten Jahren viel diskutiert. Kritiker argumentieren, dass genitalkorrigierende Operationen durch den frühen Zeitpunkt des Eingriffs nicht der Entscheidungsfreiheit des Patienten obliegen. Wovon soll also eine Entscheidung abhängen? Wer hat das Recht, diese Entscheidung zu treffen? Und sollten intersexuelle Personen nicht selbst entscheiden dürfen, wie sie sich behandeln lassen wollen?

Erfahrungen und Zufriedenheit mit der Therapie 

Um ein umfassendes Bild über die Behandlungserfahrungen und -zufriedenheit intersexueller Menschen in Deutschland zu erhalten, wird an der Hamburger Universitätsklinik am Institut für Sexualforschung seit 2002 ein Forschungsprojekt zu dieser Thematik durchgeführt. Anhand von Fragebögen und persönlicher Interviews werden die Lebens- und Behandlungsgeschichten erwachsener intersexueller Menschen retrospektiv erfragt sowie Arztbriefe und medizinische Unterlagen der Behandler analysiert. Ziel der so genannten Intersex-Studie ist es, Schlussfolgerungen für Leitlinien zur optimalen Behandlung von Menschen mit Intersexualität ziehen zu können und ein aktuelles Behandlungsmodell für die Betreuung von Personen mit Intersexualität zu entwickeln.

Sich für die Weichenstellung Zeit lassen 

Die Ergebnisse der Hamburger Studie machen deutlich, dass die bisherige Behandlung der Intersexualität, die das Ziel einer möglichst eindeutigen Geschlechtszuweisung verfolgt, eine Vielzahl von chirurgischen und hormonellen Interventionen beinhaltet. Über die Hälfte der Teilnehmer wurde an ihren Genitalien (oft mehrfach) operiert, um diese dem Zuweisungsgeschlecht anzupassen und/oder eine sexuelle Funktionsfähigkeit zu ermöglichen. Die meisten Interventionen erfolgten in der Kindheit und frühen Jugendzeit, zu einem Zeitpunkt also, in dem die Teilnehmer nur bedingt einwilligungsfähig waren und auch nur bedingt die langfristigen Konsequenzen einer solchen Intervention abschätzen konnten.
Bei der Behandlungszufriedenheit findet die Studie ein heterogenes Bild: Ein Drittel bewertet geschlechtsangleichende Operationen als zufriedenstellend bzw. sehr zufriedenstellend, ein weiteres Drittel ist unzufrieden bzw. sehr unzufrieden und das letzte Drittel ist z.T. zufrieden, z.T. unzufrieden. Hierbei zeigte die Auswertung der Ergebnisse, dass ein großer Teil der Probanden viele Behandlungsaspekte negativ erlebt hatten. Besonders der Umgang des medizinischen Personals mit den Patienten und die Weise, auf der die Diagnose kommuniziert wurde, standen im Kreuzfeuer der Kritik.
Wurden die Studien-Teilnehmer nach Verbesserungswünschen bei der Behandlung gefragt, waren psychologische Unterstützung und altersgemäße, offene Aufklärung bzgl. der Diagnose an vorderster Stelle zu finden. Insgesamt zeigt sich, dass das Ziel der Behandlung – eine möglichst eindeutige Geschlechtszuweisung – meist nur durch eine Vielzahl an chirurgischen Eingriffen und durch Hormongaben zu erreichen ist. Dies sollte sowohl unter medizinischen als auch psychologischen Gesichtspunkten hinterfragt werden: Im überwiegenden Teil der Fälle ist eine medizinische Indikation nicht vorhanden, weshalb ein Hinausschieben der Entscheidung und Behandlung in ein entscheidungsfähiges Alter zu überlegen ist. Es scheint daher in den meisten Fällen sinnvoll zu sein, die Entscheidung pro oder contra geschlechtskorrigierender Eingriffe auf ein Alter zu verlegen, in dem die Patienten urteils- und einwilligungsfähig sind.
Verfasser dieses Themas der Woche: Christian Schäfer

Unser Tipp 

Der Originalbeitrag "Behandlungserfahrungen von Menschen mit Intersexualität. Ergebnisse der Hamburger Intersex-Studie" erscheint in Ausgabe 04/2007 der Zeitschrift "Gynäkologische Endokrinologie" voraussichtlich am 13.11.2007.
Sie können auch Einzelhefte dieser Zeitschrift bestellen.

Diese Ausgabe informiert u.a. über folgende Themen: 

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