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Medizin & Gesundheitsberufe - Logopädie | Das Schweigen verstehen

Das Schweigen verstehen

L. Lutz

3., überarb. Aufl., 2004, 308 S. 65 illus., 12 in Farbe., Brosch.

ISBN: 3-540-20470-9

44,95€

Einführung 

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist der menschliche Körper bis auf die molekulare Ebene hinunter erforscht und bietet nicht mehr all zu viele Geheimnisse. Nur wie Denken, Fühlen und Sprechen funktionieren, ist nicht nur vielen hochkarätigen WissenschaftlerInnen, sondern auch den meisten Durchschnittsmenschen nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln. Weniger noch als über das Funktionieren der Sprache wissen die meisten von uns über die verschiedenen Formen von Sprachverlust, speziell über die Aphasie - und das, obwohl Jahr für Jahr zehntausende Menschen in Deutschland neu daran erkranken. Weil dem auch nach der Jahrtausendwende immer noch so ist, hat die überaus erfahrene und engagierte Linguistin und Logopädin Luise Lutz ihr Buch "Das Schweigen verstehen" für eine dritte Auflage überarbeitet und aktualisiert.

Aufbau und Inhalt 

Das Buch besteht im Wesentlichen aus vier Teilen: Im ersten Teil (1-10) wird erklärt, was es zum Thema gesunde und gestörte Sprache zu wissen gibt. Im zweiten Teil (11-13) wird beschrieben, wie AphasikerInnen therapiert werden. Im dritten Teil (14-15) wird geschildert, wie sich das Leben mit Aphasie für alle Beteiligten ändert und im vierten Teil, dem Anhang (16-18), finden sich neben wichtigen Adressen Literaturhinweise und ein Sachverzeichnis. Die Themen der einzelnen Kapitel sind:
• In der Einleitung, dem ersten Kapitel, begegnen wir einigen Betroffenen. Man erfährt, welche sprachlichen Fähigkeiten sie noch besitzen, welche ihnen abhanden gekommen sind - und wie ihre Umwelt und sie selber kommunikativ und psychisch auf diesen Sprachverlust reagieren.
• Im zweiten Kapitel geht es um Sprache und Gehirn. Hier werden nach einem kurzen geschichtlichen Abriss über die Aphasiologie, die Erforschung des Sprachverlusts, die Funktionen der beiden Hirn-Hemisphären und der neuronalen Netzwerke für das Sprechen- und Verstehenkönnen erklärt.
• Im dritten Kapitel konfrontiert die Autorin den Leser mit dem klinischen Bild der Aphasie - sie stellt an Hand von Beispielen aus der klinischen und therapeutischen Praxis die vier wesentlichen Erscheinungsformen der Aphasie, die Unterschiede zu anderen Sprachstörungen sowie häufig vorkommende Begleitstörungen vor.
• Das vierte Kapitel beschreibt Aphasie als eine Störung der inneren Sprache: Es wird gezeigt, dass bei Aphasie das Sprachwissen der Betroffenen erhalten bleibt - dass sie jedoch die Fähigkeit verlieren, sprachliche Prozesse durchzuführen und ihnen bekannte lautliche, grammatische etc. Regeln anzuwenden oder auf gerade benötigte Wörter zuzugreifen: Ihre Fähigkeiten sind blockiert.
• Im fünften Kapitel wird im Detail und u.a. an Hand von Versprechern gesunder Menschen beleuchtet, dass hinter den uns oft so chaotisch und unverständlich erscheinenden Äußerungen von AphasikerInnen durchaus (ein potentiell für uns nachvollziehbares) System und Regelbewusstsein steckt.
• Im sechsten Kapitel geht es darum, bei welchem Aphasietyp die vier Modalitäten Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben wie gestört sind. Man erfährt, dass AphasikerInnen teils ähnliche Fehler in allen vier Bereichen machen, teils aber auch ein verblüffendes Auseinanderklaffen der Leistungen im Verhältnis zueinander zeigen: Die meisten können nicht immer sagen, was sie denken. Aber nur manche können nicht immer hören, was sie sagen, oder können nicht schreiben, was sie hören, oder können nicht lesen, was sie schreiben.
• Während die Autorin uns im siebten Kapitel mit den Spielregeln für Gespräche mit AphasikerInnen und potenziellen Quellen für Missverständnisse vertraut macht, geht es im achten Kapitel um das für Betroffene so schwierige Produzieren und Verstehen mündlicher wie schriftlicher Texte.
• Im neunten Kapitel wird verdeutlicht, dass Sprache und Denken nicht dasselbe sind - und dass AphasikerInnen nicht geistesgestört und auch nicht weniger intelligent sind als Sprachgesunde, dass sie jedoch auf Grund ihrer sprachlichen Probleme weniger gut dazu in der Lage sind, ihr Weltwissen auf dem Laufenden zu halten.
• Dass es gravierende Unterschiede darin gibt, wie Kinder und AphasikerInnen sich die Sprache (zurück)erobern, lernen wir im zehnten Kapitel.
• Hieran schließen sich die Selbstberichte dreier AphasikerInnen an, die man eigentlich im dritten Teil des Buches erwarten würde, nicht vor dem Block über das therapeutische Geschehen.
• Das elfte Kapitel dreht sich um Prognose und Diagnostik: Es werden die Faktoren aufgezählt, die die Therapie positiv und negativ beeinflussen können.
• Im zwölften Kapitel stellt die Autorin die Leitgedanken, die Ziele und Vorgehensweisen ihres selbst entwickelten therapeutischen Ansatzes, des so genannten MODAK-Konzeptes, in theoretischer und praktischer Hinsicht vor. Auch erfährt der Leser etwas darüber, wie unproduktiv, ja sogar gefährlich es für AphasikerInnen sein kann, wenn linguistisch unbedarfte Laien mit ungeeigneten Übungen versuchen, sie wieder zum sprechen zu bringen.
• Entsprechend präsentiert Kapitel 13 einige Sprachspiele und Übungen für den Alltag, die bei aphasischen Sprachstörungen geeignet und hilfreich sind.
• Nach diesem Block über Therapeutisches lässt die Autorin, von der Reihenfolge für mich wiederum nicht ganz verständlich, Angehörige über ihre Erlebnisse berichten, bevor sie in Kapitel 14 darstellt, wie Aphasiker und ihre Angehörigen leben (müssen) und in Kapitel 15 Tipps über den angemessenen Umgang mit Aphasie gibt.
• Im Anhang finden sich schließlich zahlreiche Literaturangaben (Kapitel 16), wichtige Adressen (Kapitel 17) und das Sachverzeichnis (Kapitel 18).

Kritische Würdigung 

Im Vergleich zur vorherigen Auflage hat sich vor allem das Layout geändert (nicht der Text): Das Buch liegt jetzt im Zweifarbdruck vor und ist auf Grund der zweispaltigen Seitengliederung, der orientierenden Zwischenüberschriften sowie der Übersichtsgrafiken optisch besser gegliedert
In inhaltlicher Hinsicht besticht das Buch nach wie vor nicht nur durch die profunde Sachkenntnis, sondern auch durch die Leidenschaftlichkeit, mit der die Autorin sich für das Verstehen und die Anerkennung der von der Störung betroffenen Menschen einsetzt. Mir ist kein weiteres deutschsprachiges Fachbuch bekannt (auch keines zu anderen Krankheiten wie beispielsweise Alzheimer oder Parkinson), das das Krankheitsbild und zugleich die Probleme der Erkrankten derart plastisch und zugleich spannend und herzergreifend darzustellen vermag - und das alles in einer Sprache, die sowohl anspruchsvoll als auch verständlich ist.

Fazit 

Und so kann ich nur allen, die sich aus beruflichen oder persönlichen Gründen für das Thema Aphasie interessieren, empfehlen, dieses wunderbare Buch trotz des happigen Preises anzuschaffen - es ist jeden einzelnen Cent wert. Und das Schweigen werden Sie nach Abschluss der Lektüre auch (besser) verstehen - garantiert!
Rezensentin
Dr. Svenja Sachweh
Homepage www.talkcare.de
© 2006 socialnet GmbH, Bonn

Wie die Resonanz auf die 1. Auflage zeigte,  

ist der Autorin mit diesem Buch ein bemerkenswerter Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis geglückt, denn es bietet
• Aphasietherapeuten praktische Informationen über die Möglichkeiten der Sprachtherapie mit Betroffenen, und
• ALLEN Betreuern von Aphasikern Anleitung und Rat für den alltäglichen Umgang mit den psychischen und sozialen Problemen dieser Behinderung.
• neurolinguistisch Interessierten fundierte Einblicke in die Prozesse normaler Sprachentstehung und -verarbeitung und in die Mechanismen der durch Aphasie gestörten Sprache
Für die 2. Auflage hat die Autorin alle Kapitel aktualisiert und um neue Erkenntnisse aus ihrer therapeutischen Arbeit ergänzt.
AUS: www.logopaedie.de

„Das Schweigen verstehen“ 

von der klinischen Linguistin, Aphasieforscherin und Therapeutin Dr. Luise Lutz wendet sich in erster Linie an Angehörige oder an nichtfachliche Ansprechpartner aphasischer Personen, eignet sich jedoch auch in hervorragender Weise als Einstiegslektüre für die Berufsgruppe werdender Sprachtherapeuten. Auch praktisch erfahrene Kollegen werden von dem Buch immer wieder profitieren, denn die gelungene Mischung aus fundiert dargestelltem Fachwissen und einfühlsamer Prosa weckt Faszination für das Phänomen Sprache, Neugier auf das Zustandekommen aphasischer Symptome und Sympathie für die Schicksale der von Aphasie betroffenen Menschen.
Das Buch enthält insgesamt 15 Kapitel, die sich von einem ausführlichen Teil über neurolinguistische und aphasiologische Grundlagen über einen Therapieteil bis schließlich zu einem Kapitel über das Leben mit Aphasie erstrecken. Im Anhang finden sich nach Lesergruppen geordnete Angaben zu weiterführender Literatur, wertvolle Adressen für Betroffene sowie ein Sachverzeichnis, das das Auffinden bestimmter Themen anhand von Schlagwörtern ermöglicht.
Der anschauliche und spannende Einstieg über kurze Fallbeispiele macht neugierig auf die neurowissenschaftlichen Grundlagen, auf die an geeigneter Stelle zum entsprechenden Kapitel verwiesen wird. Luise Lutz beschreibt jedoch niemals nur „Fälle“, sondern erweitert den Blick auf Persönlichkeiten und ihre Lebensgeschichten. Bemerkenswert ist ihr ganzheitliches, großes Gespür für Ressourcen und Fähigkeiten der dargestellten Personen. Dass auch die Angehörigen und Bezugspersonen der Betroffenen zu Wort kommen, spiegelt die Auffassung der Autorin wider, dass es sich bei Aphasie nicht nur um die Sprachstörung des Einzelnen handelt, sondern sich die sprachlichen Einschränkungen immer auf die Interaktion auswirken und so den Gesprächspartner mit betreffen.
Das Phänomen „Sprache und Aphasie“ wird in all seinen schillernden und verwobenen Facetten so verständlich, anschaulich und interessant dargestellt - ohne das Thema in seiner Komplexität zu reduzieren - dass auch Leser vom Fach immer wieder ihre „Aha-Erlebnisse“ haben werden.
Im Kapitel „Therapie“ wird natürlich das obligatorische MODAK-Programm der Autorin vorgestellt. Dennoch wird deutlich, dass unter logopädischer Therapie nicht rezeptbuchähnliches Üben von Sprachbausteinen zu verstehen ist, sondern dass es sich stets um ein individuell angelegtes, sprachsystematisches und prozessorientiertes Vorgehen handelt, dessen Erfolg maßgeblich von der therapeutischen Kompetenz abhängt, einen persönlichen Zugang zum Patienten zu gewinnen.
Ebenfalls für Personen, die die erste Version dieses Buches bereits kennen, lohnt sich die Anschaffung der Neuauflage aufgrund des übersichtlichen Layouts, der strukturierten Darstellung der Inhalte und des Einbezugs neuerer wissenschaftlicher Literatur. Dem Ziel, „das Schweigen zu verstehen“, kommt man nach der Lektüre dieses Buches in jedem Fall ein ganzes Stück näher.
Barbara Schneider M.A., Bielefeld
AUS: L.O.G.O.S. interdisziplinär, Nr.2 Juni 2006