Was lehrt uns das Venedig des 14. Jahrhunderts über Ebola heute?

Experten nennen Venedigs Umgang mit der Pest ein „Paradebeispiel für Resilienzmanagement“

Heidelberg | New York, 26. August 2014

© SpringerWie die italienische Stadt Venedig mit dem Ausbruch der Pest im 14. Jahrhundert umgegangen ist, könnte uns heute noch lehren, wie wir gegenwärtige Bedrohungen—wie Klimawandel, Terrorismus oder hochinfektiöse und arzneimittelresistente Krankheiten—in den Griff bekommen könnten. Zu diesem Schluss kommt Dr. Igor Linkov vom US Army Engineer Research and Development Center und Gastprofessor der Universität Venedig in Italien. Er ist Hauptautor eines Artikels über Resilienzmanagement, der im Springer-Journal Environment Systems and Decisions erscheint.

Venedig war das Zentrum vieler Handelsrouten in Mitteleuropa. 1347 wurde es zum Epizentrum einer Pestepidemie. Der vermeintlichen Bedrohung durch Gott, Vampire oder Ähnlichem versuchten die Venezianer zunächst mit traditionellem ‚Risikomanagement‘ wie Gebeten und Ritualen zu begegnen. Dann aber kam zum Einsatz, was wir heute als Resilienzmanagement bezeichnen würden.

Anstatt sich auf ein Risiko zu konzentrieren, dessen Zusammenhänge sie nicht verstanden, regulierten die städtischen Behörden die Bewegungen und sozialen Interaktionen der Bürger. Sie führten akribisch Buch über das System der Stadt, zu dem ein Überwachungssystem, Lazarette (Quarantänestationen) auf nahegelegenen Inseln, Quarantänezeiten und das Tragen von Schutzkleidung gehörten. All diese Maßnahmen kamen zwar zu spät, um die verheerenden Auswirkungen der Seuche in den Griff zu bekommen. Doch dank der geballten Bemühungen über mehrere Jahrhunderte hinweg wuchs und gedieh Venedig weiterhin. Es kam nur noch zum sporadischen Auftreten der Pest, während ähnliche Epidemien in Griechenland und Südeuropa jahrhundertelang wüteten.

Angesichts des aktuellen Ebola-Ausbruchs in Westafrika sehen Linkov und seine Kollegen Möglichkeiten, von den Venezianern etwas über Resilienzmanagement zu lernen. Im Fall von Ebola machen wirtschaftliche und kulturelle Faktoren das Risikomanagement schwierig. Es dauert lange, tief verwurzelte Traditionen zu verändern, die eine Ausbreitung des Ebola-Virus eindämmen könnten. Dennoch könnte es Gesundheitsexperten und Politikern gelingen, die Lage zu entschärfen. Dazu müssten sie anderen Teilen des Systems ermöglichen, auf ein Wiederauftreten der Krankheit zu reagieren. Resilienzmanagement umfasst die Fähigkeit eines komplexen Systems—etwa einer Stadt oder Gemeinde, sich auf unerwartete Gefahren vorzubereiten, mit ihnen umzugehen und sich anzupassen wie auch sich wieder davon zu erholen.

„Resilienzmanagement kann helfen, mit dem aktuellen Ebola-Ausbruch in Afrika umzugehen; auch bei Problemen wie den Folgen von Bevölkerungswachstum und Klimawandel kann es nützlich sein“, glaubt Linkov. Die Behörden in Venedig haben es vor Jahrhunderten vorgemacht: Die Resilienz eines Systems zu stärken, ist ein Lösungsansatz für unbekannte und unberechenbare Bedrohungen, wie sie immer häufiger auftreten.“


Quelle: Linkov, I. et al. (2014). Risk and Resilience Lessons from Venice. Environment Systems and Decisions. DOI 10.1007/s10669-014-9511-8

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