Vergnügter Protest

Moralisierte Freizeitaktivitäten und kollektiver Ungehorsam in Zeiten der Erlebnis- und Spaßgesellschaft

Wiesbaden, 12. Januar 2016

© SpringerIn vier Tagen werden wieder über 25.000 nach Berlin pilgernde Menschen erwartet, um anlässlich der Internationalen Grünen Woche gegen die Agrarindustrie und für eine bäuerliche Landwirtschaft zu demonstrieren. Nicht nur in diesem Fall lassen sich Zehntausende auf einen zähen politischen Prozess ein und engagieren sich in sozialen Bewegungen – weitere aktuelle Beispiele sind „Stopp TTIP“ und „Stopp Braunkohleabbau“. Doch wie passt eine solche Bewegungsgesellschaft zur ebenso diagnostizierten Spaßgesellschaft, in der Eventisierung und Festivalisierung immer mehr Bereiche des Lebens kennzeichnen? Dieser Frage geht Gregor J. Betz in seiner bei Springer VS erschienenen ethnographischen Studie Vergnügter Protest nach. Im Fokus stehen als Protest gerahmte Ereignisse, bei denen politischen Forderungen mit kollektivem Spaß, Erlebnis, Spektakel und Vergnügen verbunden Ausdruck verliehen wird.

„Dass Protestereignisse auch Spaß machen, weiß jeder, der sich schon einmal den Massen einer Großdemonstration ergeben und am bunten, auch vergnügten und mitunter äußerst kreativen, ironischen und humorvollen Treiben politisch gerahmter öffentlicher Veranstaltungen teilgenommen hat“, sagt Gregor J. Betz. Umso erstaunlicher ist es für den Sozialwissenschaftler, dass in der soziologischen Forschung zu sozialen Bewegungen bislang hauptsächlich negative Emotionen untersucht wurden und das Erleben von Vergnügen, Spaß und Freude bei Protest kaum Berücksichtigung fand: „Wer sich für Protest engagiert, verfolgt in der Regel langfristige Ziele und ist anders motiviert als jemand, der Freizeit und Vergnügen erwartet – Zielerreichung in ferner Zukunft und sofortiger Spaß wurden in der sozialwissenschaftlichen Literatur bisher als kaum vereinbar angesehen.“ Anhand von drei Fallbeispielen – einer Maikundgebung, einer Nachttanzdemo und zweier Schnippeldiskos – zeigt Betz in seiner Studie, dass diese bisherige Auffassung der Protestrealität nicht entspricht. Er legt dar, welche Bedeutung Erlebnisversprechen bei der Mobilisierung einnehmen, inwiefern die Teilnehmer im Vorhinein Spaß erwarten und welche Art von Vergnügen sie vor Ort erleben.

„Bei allen von mir untersuchten Protestereignissen spielen Spaß, Erlebnis und Vergnügen eine wichtige Rolle“, fasst Betz seine Erkenntnisse zusammen. Organisierende würden mit Erlebnis und Außeralltäglichkeit werben und Teilnehmer beschrieben ihr Engagement als freudig-freizeitlich. Zudem seien Stimmung und Atmosphäre meist von Vergnügen, guter Laune, Geselligkeit und Unterhaltung geprägt. Überraschend war für Betz die heterogene inhaltliche Motivation der Teilnehmer. Bei der Nachttanzdemo – veranstaltet von einer Initiative für ein soziokulturelles Zentrum in Duisburg – fand er die komplette Bandbreite an Motivationen vor: „Für einige Teilnehmer war das Ereignis eine hochgradig ernsthafte Veranstaltung, durch die sie politische Forderungen durchsetzen wollten – andere hingegen sahen die Demo ausschließlich als aufregende nächtliche Tanzparade und nahmen deren Inhalte gar nicht wahr.“

Doch wie ist der aktuell starke Zulauf und Erfolg sozialer Bewegungen letztendlich zu verstehen? Betz‘ Studie liefert einen Erklärungsansatz: Soziale Bewegungen scheinen eine Sehnsucht zu erwidern, die in weiten Teilen der Gegenwartsgesellschaft verbreitet ist. „In Anbetracht der zunehmenden Korrosion vorgezeichneter Lebenswege und fester sozialer Strukturen sind Menschen bei ihrer Lebensplanung immer stärker auf sich allein gestellt“, fasst der Autor zusammen. In einer solch unsicheren Lebenssituation sehnen sich Menschen nach verlässlicher Sinngebung sowie Sicherheit in Gemeinschaften. Soziale Bewegungen können solche zwar meist diffusen, aber emotionalisierten Sinnangebote stiften, so das Fazit von Betz: „Der Protest erscheint den Beteiligten subjektiv als sinnvoll und bietet eine temporäre Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens – wenn es dann noch gelingt, das Ganze mit Vergnügen und Erlebnis zu verbinden, ist eine Demo attraktiv für eine breite Zielgruppe.“

Die Studie ist in der Buchreihe Erlebniswelten der Herausgeber Winfried Gebhardt, Ronald Hitzler und Franz Liebl erschienen. Die Reihe versammelt sowohl gegenwartsbezogene als auch historische materiale Studien, die sich der Beschreibung und Analyse herausgehobener sozialer Konstruktionen widmen.

Gregor J. Betz ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie der TU Dortmund.

Gregor J. Betz
Vergnügter Protest
Erkundungen hybridisierter Formen kollektiven Ungehorsams
2016, 311 S.
Softcover € 49,99 (D) | € 51,39 (A) | sFr 51.50 (CH)
ISBN 978-3-658-11415-2
Auch als eBook verfügbar

Bild: Coverabbildung des Buchs Vergnügter Protest von Springer VS | © Springer

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