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Mitläufer oder mehr?

Theodor Eschenburgs Beteiligung an „Arisierungen“ im Nationalsozialismus

Wiesbaden, 03. September 2015

A_978-3-658-07215-5.jpg © SpringerEr steht seit 2011 im Zentrum einer hitzigen öffentlichen Kontroverse: Theodor Eschenburg, Industrieverbandsfunktionär von 1933 bis 1945 und in der Bundesrepublik als Lehrstuhlinhaber und „öffentlicher Intellektueller“ einer der Gründerväter der Politikwissenschaft und Zeitgeschichte. Streitpunkte sind seine Beteiligung an „Arisierungen“ und sein Schweigen darüber nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Anhänger und Verehrer, die er ausgebildet, promoviert und habilitiert hatte, hielten an ihrem Ideal fest. 2013 schaffte die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) den nach ihm benannten Lebenswerk-Preis trotzdem ab. Im gerade bei Springer VS erschienenen Buch Mitgemacht zeichnen Herausgeber Rainer Eisfeld sowie zahlreiche Politologen und Historiker die öffentliche Auseinandersetzung nach und ordnen sie in die Debatten über die Rolle prominenter Geisteswissenschaftler im Dritten Reich ein. Im Vorfeld des DVPW-Kongresses in Duisburg treibt Eisfeld damit die diesbezügliche Forschung durch neue Ergebnisse und Kommentare weiter voran. Die Fortsetzung der Debatte folgt auf einem von Ulrich von Alemann moderierten Sonderplenum des Kongresses am 23. September 2015 von 11 bis 12:30 Uhr.

„Er gehörte nicht zu den Mutigen“ überschrieb DIE ZEIT in ihrer Ausgabe vom 6. November 2014 ein Streitgespräch zwischen Eschenburgs Biograf Udo Wengst und Rainer Eisfeld, der die Verwicklung des Gründervaters der Politikwissenschaft in mindestens drei „Arisierungen“ während der NS-Zeit aufgedeckt hatte. „Keine Wahl“ habe es gegeben bei der 2013 erfolgten Abschaffung des nach Eschenburg benannten Lebenswerk-Preises durch die DVPW, urteilte Eisfeld in dem Gespräch. „Falsch“ fand der Eschenburg-Schüler und Herausgeber des Berliner Tagesspiegel, Hermann Rudolph, diese Entscheidung noch Anfang Juni 2015 bei einem Vortrag in Lübeck. Schleswig-Holsteins früherer Ministerpräsident Björn Engholm, der das anschließende Gespräch moderierte, hielt dagegen: Ihm galt Eschenburg als „klassisches Beispiel“ für „Elitenkontinuität“ vor und nach 1945. „Immer oben mitschwimmen“ hatte kurz zuvor Rainer Blasius, Leiter des Ressorts „Politische Bücher“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sein Urteil über Eschenburg in einer Besprechung der Wengst-Biografie zusammengefasst.

Theodor Eschenburg und kein Ende: Die Debatte dauert an. Kaum registriert wurde bisher der von Anne Rohstock jüngst erbrachte Nachweis, dass Eschenburg nicht nur 1938/39 an der wirtschaftlichen Verfolgung jüdischer Deutscher beteiligt war, so Eisfeld: „1941 drängte er in zwei Schreiben an die Reichsstelle für den Außenhandel auf Nachprüfung, ob ein von der Stelle als ‚arisch‘ klassifiziertes Kopenhagener Unternehmen auch wirklich ‚arisch‘ sei – andernfalls beabsichtige er, die Belieferung der Firma mit Rohstoffen zu sperren.“ In Mitgemacht sind nicht nur Faksimiles der beiden Briefe veröffentlicht. Eisfeld belegt auch, dass der Inhaber der Firma sein ursprüngliches Berliner Unternehmen bereits 1938 durch ‚Arisierung‘ eingebüßt hatte: „Eschenburg drangsalierte einen jüdischen Deutschen also aufs Neue, der sich im Exil eine zweite Existenz geschaffen hatte und nach der Besetzung Dänemarks von den Diskriminierungen seiner Verfolger wiederum eingeholt wurde.“ Spätestens dieses Vorgehen überschreite die Grenzen des ‚Mitläufertums‘. Für die Jahre nach 1949 demonstriert Eisfeld Eschenburgs anhaltende Fixierung auf Staatsautorität und Führung. Zahlreiche Hinweise legen nahe, dass die Demokratie bei ihm lebenslang hinter den ‚Staat‘ zurücktrat: „Wie im Fall der Historiker Hans Rothfels und Werner Conze ist bei Eschenburg ein Ordnungsdenken angelegt, in dem Staat und Regierung das ‚Eigentliche‘ und die Staatsform das Sekundäre bilden.“

Fakten, Dokumente, anderthalb Dutzend zuvor verstreut erschienene und hier zusammengeführte Texte von Kritikern und Verteidigern Eschenburgs: Das Buch bietet Gelegenheit, bislang bezogene Standpunkte zu überprüfen, und ermöglicht dem Leser die eigene Urteilsbildung in der Debatte.

Professor em. Dr. Rainer Eisfeld war bis 2006 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Osnabrück und ist Mitglied des Wissenschaftlichen Kuratoriums der KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora.

Rainer Eisfeld (Hrsg.)
Mitgemacht
Theodor Eschenburgs Beteiligung an „Arisierungen“ im Nationalsozialismus
2016, 449 S.
Softcover € 49,99 (D) | € 51,39 (A) | sFr 53.00 (CH)
ISBN 978-3-658-07215-5
Auch als eBook verfügbar

Bild: Coverabbildung des Buchs Mitgemacht von Springer VS | © Springer

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