18.05.17

Kenne dich selbst, um andere zu verstehen

Neue Studie testet Nutzen von Trainings zur Perspektivenübernahme, um die mentalen Zustände anderer Menschen zu verstehen

Heidelberg | New York, 19. Mai 2017

© SpringerMenschen können durch gezieltes Training angeleitet werden, sich ihrer eigenen mentalen Prozesse besser bewusst zu machen und die mentalen Zustände anderer besser zu verstehen. Denn je besser man sich selbst versteht, desto besser kann man sich in einen anderen hineinversetzen. „Ein solches Training hilft uns daher, die aktuellen, globalen Herausforderungen zu bewältigen,“ behauptet Jun.-Prof. Dr. Anne Böckler, Mitarbeiterin der Abteilung für Soziale Neurowissenschaften am Max Planck Institut für Kognition- und Neurowissenschaften und der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Sie ist zusammen mit Lukas Hermann, Erstautorin einer Studie, erschienen in der Springer-Zeitschrift Journal of Cognitive Enhancement, in welcher die Auswirkungen eines dreimonatigen Trainingskurses auf eine Gruppe von Erwachsenen untersucht wurden. 

Über drei Monate wurden in einem von drei Modulen, dem Perspektivmodul,  zwei Gruppen von 80 und 81 Teilnehmern im Alter von 20 bis 55 Jahren mit verschiedenen Übungen unterrichtet, wie sie ihre Fähigkeiten zur Perspektivenübernahme auf sich selbst und andere schulen können. Das Training war angelehnt an das Modell des Inneren Familiensystems (IFS), das von Richard Schwartz entwickelt wurde und das Selbst als eine Zusammensetzung von verschiedenen, komplexen inneren Anteilen bzw. Subpersönlichkeiten betrachtet, wobei sich jeder durch seine eigenen Verhaltensweisen, Gedanken und Emotionen unterscheidet. Die Teilnehmer lernten, ihre eigenen inneren Anteile zu identifizieren und einzuordnen. Sie erforschten, wie sich die Identifizierung mit verschiedenen inneren Anteilen wie "die mitfühlende Mutter", "der innerer Manager" oder "die Geniesserin" auf ihre Alltagserfahrung auswirkt.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Teilnehmer prototypische innere Anteile wie den „inneren Manager“ oder „das innere Kind“ nach dem Perspektivtraining problemlos in ihrer eigenen Persönlichkeit identifizieren konnten. In dem Maß, wie die Teilnehmer das Verständnis für ihr Selbst verbesserten – widergespiegelt durch die Anzahl der von ihnen identifizierten verschiedenen inneren Anteile – verbesserten sie auch ihre eigene Flexibilität und Fähigkeit, den mentalen Zustand anderer präzise zu erschließen und zu verstehen. Je mehr negative innere Anteile sie durch das Training identifizieren konnten, desto besser wurde ihr Bewusstsein für die Stimmungslage anderer. "Dies legt nahe, dass ein Perspektivtraining es gestattet, mehr verletzliche Anteile anzuerkennen und dies weiterhin dann hilft, die komplexen mentalen Systeme von anderen Personen auch besser zu verstehen", erklärt Tania Singer, Co-Autorin der Studie. 

„Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen der verbesserten Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und der Steigerung der sozialen Intelligenz insbesondere in Bezug auf kognitive Perspektiven“, sagt Lukas Hermann.

Die Erkenntnis, dass Menschen andere besser verstehen können, wenn sie lernen, negative Aspekte von sich selbst leichter zu identifizieren, hat interessante Auswirkungen auf die sich ständig verändernde Welt, in der wir leben. „Diese Einsicht kann sich in einer zunehmend komplexeren und vernetzteren Welt als wichtig erweisen, in der es immer schwieriger – und umso notwendiger – wird, die Sichtweise anderer Menschen, insbesondere mit anderen kulturellen und religiösen Hintergründen, zu verstehen“, fügt Böckler hinzu.
Die Studie legt nahe, dass die Arbeit mit den inneren Anteilen und das Training zum flexiblen Perspektivenwechsel auf selbstbezogene, innere mentale Zustände sowohl in therapeutischen als auch nichtklinischen Situationen für die Förderung innerer Balance, psychologischer Gesundheit und sozialer Intelligenz zukunftsweisend sind. Sie ist auch für die Grundlagenforschung auf den Gebieten Sozial- und Persönlichkeitspsychologie und soziale Neurowissenschaften von Nutzen.

Literatur: Böckler, A. et al (2017). Know thy Selves: Learning to understand oneself increases the ability to understand others, Journal of Cognitive Enhancement DOI: 10.1007/s41465-017-0023-6

Weitere Informationen

Die Studie ist Teil des ReSource Projektes, eine großangelegten Langzeitstudie zum mentalen Training, welche die unterschiedlichen Effekte von Meditation untersucht und in der Abteilung für Soziale Neurowissenschaften am Max Planck Institut für Kognition- und Neurowissenschaften von Prof. Dr. Tania Singer geleitet wird.

Über Journal of Cognitive Enhancement 

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