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Architecture & Design | Günther Domenig – 1934-2012. Die Geste und der Raum

25 June 2012

Günther Domenig – 1934-2012. Die Geste und der Raum

In seinem 78. Lebensjahr starb am 15. Juni 2012 in Graz Günther Domenig, Architekt und Künstler mit Wurzeln in Kärnten, Bauten in Österreich und Europa sowie einer Bedeutung, die das gesamte westliche Kulturbild betrifft.
Domenig gehörte stets zwei Welten an: Der Kunst und der Architektur, der „Grazer Schule“ und Europa, der klassischen Moderne und ihrer Überwindung. Diese mitunter divergierenden Ziele drückten sich auch in einer vibrierenden, niemals ruhenden Seelenlage aus. Domenig war einer jener „Brennenden“, die sich in ihrem Werk verzehren, nie zufrieden sind und niemals etwas „abschließen“. Seine wichtigen Beiträge zur europäischen Architekturgeschichte begann er schon in den 1960er Jahren nach seinem Studium zu liefern. Gemeinsam mit Eilfried Huth (Bürogemeinschaft 1963 bis 1975) baute er 1963-69 die Pädagogische Akademie der Diözese Graz – ein früher, kraftvoll-strukturalistischer Bau in der Art von Walter Förderer. Auch die Pfarrkirche Oberwart (1966-69) war ein bemerkenswertes Statement einer skulpturalen Sichtbetonarchitektur, die auch viel neuartiges Kunststoffmaterial einsetzte sowie Alu- und Plastikeinrichtungsgegenstände bot. Von dort avancierte Domenig dann zur Pop Art, baute einen bunten Café-Pavillon für die Olympiaschwimmhalle in München 1972 und ein Mensa-Gebäude der Schulschwestern in Graz (1973-77), das wie ein großes Tier im Hof kauert. Resoluter Ausdruck und Technologie prägten auch das weniger bekannte Vöest-Forschungszentrum in Leoben aus Stahl und die bekannte Z-Bankfiliale in Wien Favoriten (1974-79). Hier und bei den Läden der Schuh-Handelskette „Humanic“ zelebrierte Domenig inbrünstig alle Verwerfungen, Schuppungen, Pentrationen und Auskragungen, die man aus Stahl und Glas nur bauen kann. Nicht einmal Coop Himmelblau konnten das zu dieser Zeit radikaler. Für die Grazer Technische Universität, an der er lange Jahre als prägender Anführer der sogenannten „Grazer Schule“ (Volker Giencke, Klaus Kada, …) wirkte, baute er ein Institutsgebäude, gemeinsam mit Hermann Eisenköck, seinem Partner der späten Jahre, den beeindruckenden Riegel der RESOWI der Universität Graz. Unter den späten Werken sind vor allem das spektakuläre T-Center in Wien, das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und natürlich das „Steinhaus“ am Kärntner Ossiacher See zu nennen. Das erste prägt seit 2004 die Silhouette des östlichen Wiener Stadtgebiets, das zweite war auch ein Stück Autobiografie-Bewältigung (Domenig erlebte allerhand Traumata in seinem NS-Elternhaus) und das dritte ist in den vergangenen Jahren zur Ikone einer dekonstruktivistischen Ästhetik aufgestiegen, obwohl es in Wahrheit expressiv und konstruktiv ist. Domenigs privates Schaustück alles dessen, was Architektur kann und soll entstand in langem Prozess seit 1983. Die zerklüftete Beton-Stahl-Alu-Struktur ist heute ein Veranstaltungszentrum für Kunstevents. Domenig fühlte sich stets auch als Künstler, seine skulpturale Architektursprache und seine Kunstobjekte aus Alu und Stahl – nicht unweit der Position von Walter Pichler angesiedelt – künden davon. 2004 erhielt er den Goldenen Löwen der Biennale in Venedig, 2005 erschien die große Monografie, an der er persönlich mitwirkte, im Springer Verlag WienNewYork.
MB