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Über Springer - Presse - Springer Select | Mensch gegen Tiger: Werden die Risiken überschätzt?

Heidelberg | New York, 21. Januar 2013

Mensch gegen Tiger: Werden die Risiken überschätzt?

Das Risiko von Tigerangriffen in den Sundarbans von Bangladesch wird als deutlich höher wahrgenommen als es ist

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Tierschützer sind sich des hohen Konfliktpotentials zwischen Mensch und Tier bewusst: Auf der einen Seite sind die bedrohten Tierarten, die sie zu schützen versuchen und demgegenüber stehen die Menschen, die sich mit den Tieren den Lebensraum teilen müssen. Raubtiere wie Tiger stellen für Menschen und ihren Viehbestand eine potentielle Gefahr dar, die oft als Begründung für das Töten der Tiger ausreicht. Bisherige Untersuchungen haben gezeigt, dass das Töten von Tieren gleichermaßen durch soziale und psychologische Faktoren, wie die wahrgenommene Bedrohung, als auch durch eine tatsächlich bestehende Gefahr motiviert sein kann.
In einer neuen Studie in der Springer-Fachzeitschrift Human Ecology wurden mehrere Schlüsselfaktoren identifiziert, die die Wahrnehmung des Risikos durch Tiger in einem Schutzgebiet in Bangladesch beeinflussen. Es ist die erste Studie, bei der Participatory Risk Mapping (PRM) und umfangreiche Interviews eingesetzt wurden, um den weitgefassten sozioökonomischen Konflikt zwischen Mensch und Tiger zu untersuchen. Die Studie wurde von Chloe Inskip und ihren Kollegen vom Durrell Institute of Conservation and Ecology in Kent, Großbritannien, und WildTeam aus Bangladesh durchgeführt.
Rund um die Sundarbans-Mangrovenwälder im Südwesten Bangladeschs, die auch eine der weltweit größten verbliebenen Tigerpopulationen beheimaten, wurde eine Umfrage durchgeführt. Zwar sind die Sundarbans selbst unbewohnt, doch in den acht Gemeinden in unmittelbarer Nähe zur Waldgrenze leben insgesamt 1,7 Millionen Menschen. Aus Aufzeichnungen geht hervor, dass in der Gegend jährlich etwa 30-50 Menschen von Tigern getötet werden.
Die Wissenschaftler führten 54 Interviews in sechs Dörfern durch, die an der Grenze der Sundarbans-Wälder liegen und ließen sich in zehn weiteren Grenzdörfern 385 Fragebögen ausfüllen. Die Tiger wurden als Hauptproblem für die Existenz der dort lebenden Bevölkerung genannt. Als weitere Probleme werden Armut, das niedrige Einkommen, die Abhängigkeit von natürlichen Ressourcen, die schlechte Infrastruktur, der Mangel an sauberem Wasser, Bodenerosion und die Wetterverhältnisse genannt. Inskip und ihre Kollegen fanden heraus, dass diese genannten Probleme einen direkten Einfluss drauf hatten, wie die Dorfbewohner die Bedrohung durch Tiger wahrnehmen: Probleme im Zusammenhang mit Armut bestimmten maßgeblich, wie stark der Mensch-Tiger-Konflikt als solcher wahrgenommen wurde und inwiefern es Aussicht gab, diesen Konflikt zu entschärfen.
Die Autoren gehen davon aus, dass je besser die sozioökonomischen Probleme gelöst werden, umso weniger wird sich die Bevölkerung von den Tigern bedroht fühlen. Und dies wiederum könnte dazu beitragen, dass weniger Tiger getötet würden. Für Tierschützer wäre dies ein Wechsel von einer traditionellen Konfliktlösung zu einem ganzheitlichen Ansatz. Dadurch könnten auch situationsspezifische Maßnahmen einbezogen werden, um die wahrgenommene Bedrohung abzubauen. In vielen armen, ländlichen Gemeinden in Schutzgebieten wie den Sundarbans gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Abbau einer geringer wahrgenommenen Bedrohung durch Tiger und der Linderung der Armut.
Die Autoren sind der Überzeugung, dass das Töten bedrohter Tierarten erst dann nachlässt, wenn die menschlichen und sozialen Aspekte des Konflikts zwischen Mensch und Tierwelt hinreichend verstanden sind und mit den Erkenntnissen angemessen umgegangen wird. Sie kommen zu der Schlussfolgerung, dass „Participatory Risk Mapping (PRM) und qualitative Forschung wertvolle Tools sind, um das Verständnis der wahrgenommene Bedrohung durch die Tierwelt zu verbessern. Durch die Methode sollen auch unterstützende Maßnahmen beschrieben und ergriffen werden können, die großen Einfluss auf die Bereitschaft zum Töten bedrohter Tierarten haben.“ Die Einflussnahme auf die Risikowahrnehmung erfordern langfristige angelegte Projekte und Finanzierung.
Quelle:
Inskip C et al. (2013) Human-tiger conflict in context: risks to lives and livelihoods in the Bangladesh Sundarbans. Human Ecology; DOI 10.1007/s10745-012-9556-6
Der Volltext-Artikel ist für Journalisten auf Anfrage verfügbar.

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